
Sieben Kilometer. Das ist alles. Die Etappe 10 des Tour du Mont-Blanc misst weniger als jede andere Tagesetappe des Rundwegs. Dennoch ist es jene Passage, die auffallend viele Wanderer zuerst erwähnen, wenn man sie nach dem eindrücklichsten Abschnitt fragt. Der Grand Balcon Sud verläuft als Höhenweg direkt gegenüber der Nordwand des Massivs: Aiguille Verte (4.122 m), die Drus, die Mer de Glace, der Mont-Blanc als fortlaufende Kulisse. Elf Metallleitern, das Naturschutzgebiet der Aiguilles Rouges und die Möglichkeit eines Abstechers zum Lac Blanc, dessen Spiegelung zu den meistfotografierten Motiven der Alpen zählt. Wer aus der Schweiz anreist, hat es bis hierher nicht weit, und doch wirkt diese Etappe wie eine andere Welt.
#Als Bergwanderleiter kennen wir diesen Balkon bei jeder Witterung. Bei wolkenlosem Himmel folgt Gipfel auf Gipfel in lückenloser Reihe. Bei Nebel wandert man still durch Rhododendren und Lärchen, bis sich unvermittelt ein Fenster auf die Gletscher öffnet. Dieser Artikel führt durch die gesamte Route, die Varianten, die Unterkünfte und Geschichten, die der Weg allein nicht preisgibt.
| Distanz | ~7 km |
| Aufstieg | +810 m |
| Abstieg | -333 m |
| Höchster Punkt | Tête-aux-Vents (2.132 m) |
| Gehzeit | 3 bis 4 Stunden reine Gehzeit |
| Schwierigkeit | 3/5 (Leiterpassage) |
| Start | Trè-le-Champ (1.400 m) |
| Ziel | Refuge de la Flégère (1.877 m) |
Der Schlüsselmoment: Elf Metallleitern, ein mit Tritten versehener Kamin, eine ausgesetzte Querung, dann die Ankunft an der Tête-aux-Vents (2.132 m) mit dem kompletten Mont-Blanc-Massiv vor Augen. Ein 7-km-Balkon, aufgespannt zwischen Himmel und Gletschern.
Von Trè-le-Champ (1.400 m) führt ein Waldpfad steil bergauf. Nach ungefähr einer Stunde gleichmässigem Anstieg durch die Lärchen erreicht man die Leiterzone. Elf Metallleitern in dichter Folge überwinden eine Felsstufe, danach ein Kamin mit Trittstufen und eine ausgesetzte Querung. Die Passage ist luftig, aber solide gesichert – Klettertechnik braucht es nicht. Die Hände dienen nur zum Festhalten.
Oben angekommen, markiert der grosse Steinmann der Tête-aux-Vents (2.132 m) den höchsten Punkt der Etappe. Hier teilt sich der Weg: links zum Lac Blanc, geradeaus über den Grand Balcon Sud zur Flégère.
Ab der Tête-aux-Vents verläuft der Weg in leichter Querung abwärts. Zur Linken breitet sich das Panorama von Ost nach West aus wie ein Reliefmodell: Aiguille du Tour (3.544 m), Aiguille du Chardonnet (3.824 m), Aiguille d'Argentière (3.900 m), dann die Aiguille Verte (4.122 m) und die Drus (3.754 m) oberhalb der Mer de Glace. Danach die Grandes Jorasses (4.208 m), die Aiguilles de Chamonix und die "Drei Gipfel": Mont-Blanc du Tacul (4.248 m), Mont Maudit (4.465 m), Mont-Blanc (4.809 m).
Das ganze Massiv auf einen Blick. Kaum ein Weg in den Alpen bietet ein derart vollständiges Panorama über eine solche Strecke. Der Balkon zieht sich über mehrere Kilometer, vorbei am Chalet des Chéserys (1.998 m), bis zum Refuge de la Flégère (1.877 m).
Auf der gegenüberliegenden Talseite fesseln die Drus den Blick. Ihre Silhouette hat sich verändert. 1997 löste ein seismischer Felssturz einen Teil des Petit Dru. Weitere Abbrüche folgten 2003, 2005 und 2011. Der legendäre Bonatti-Pfeiler, an dem Walter Bonatti 1955 in sechs Tagen eine Solo-Durchsteigung vollbrachte, die zu den grössten Leistungen der Alpinismusgeschichte gehört, ist schlicht verschwunden. Der Berg hat ihn zurückgeholt.
1741 besuchten die Engländer William Windham und Richard Pococke als eine der ersten ausländischen Reisegruppen Chamonix. Windham schilderte die "glacières de Chamouni" in einem Bericht, der in Londons wissenschaftlichen und literarischen Zirkeln für Aufsehen sorgte. Schon damals erwähnte er die Aiguille du Dru in seinem Panorama vom Montenvers, verwechselte allerdings Ost und West. Ihr Besuch entfachte ein Interesse, das einen alpinen Talschluss zur Welthauptstadt des Bergsteigens werden liess.
Von der Tête-aux-Vents steigt ein Pfad in rund 45 Minuten zum Lac Blanc (2.352 m) auf (+220 m Höhendifferenz). Die milchige Färbung des Sees stammt von Gesteinspartikeln, die durch Gletscherabrieb zermalmt wurden. Das erste Becken misst 3,30 m Tiefe, das zweite 9,50 m. Hier zeigen die Aiguille Verte und die Drus ihre berühmteste Spiegelung.
Der Chamoniard Armand Charlet machte die Aiguille Verte zu seiner "Monokultur": Er bestieg sie über hundert Mal auf unterschiedlichen Routen. Vom Lac Blanc aus begreift man, weshalb dieser Berg zur Obsession werden kann.
Der Abstecher zum Lac Blanc verlängert die Tagesetappe um etwa 1:30 Stunden (hin und zurück ab Tête-aux-Vents). Wer dort übernachten möchte, findet im Refuge du Lac Blanc (2.352 m) Massenlager und Verpflegung.
Die komplette Etappe 10 führt durch das Naturschutzgebiet der Aiguilles Rouges, eingerichtet am 30. April 1971 bei Chamonix. Auf 3.270 Hektar schützt es eines der artenreichsten alpinen Ökosysteme der Region. Der Name "Aiguilles Rouges" geht auf die rötliche Tönung des Gesteins zurück. Der Eintritt ist frei. Am Col des Montets informiert ein Besucherpavillon mit Ausstellungen über Fauna und Flora.
Der Gründungsgedanke des Schutzgebiets liess sich in einem Satz fassen: "Wir schützen die Natur, um den Menschen zu schützen!" Ein halbes Jahrhundert später liefert der Grand Balcon Sud den lebendigen Beweis: Gämsen, Steinböcke und Murmeltiere sind an den Hängen regelmässig zu beobachten.
Reservation ab März empfohlen für Juli und August, insbesondere am Refuge du Lac Blanc mit seiner beschränkten Kapazität. Preise sind in Euro angegeben; ab Genf oder dem Wallis ist Chamonix in knapp zwei Stunden erreichbar.
Wasser gibt es am Start in Trè-le-Champ (Auberge La Boërne), am Refuge du Lac Blanc beim entsprechenden Abstecher und am Refuge de la Flégère am Ziel. Zu Saisonbeginn fliessen einige Bäche, die im August versiegen können. Mindestens 1 bis 1,5 Liter einpacken. Auf dem Weg findet sich kein Geschäft.
Die Etappe ist kurz (3 bis 4 Stunden ohne Lac Blanc), was einen gemächlichen Start erlaubt. Der Hang zeigt nach Westen: Das Morgenlicht trifft auf das Mont-Blanc-Massiv gegenüber und sorgt für die besten Fotoverhältnisse. Nachmittags im Sommer steht der Weg in der Sonne. Die Leiterpassage bei Regen meiden (rutschiger Fels).
Die elf Leitern und die ausgesetzte Querung sind die einzige technische Stelle. Wer unter Höhenangst leidet, kann eine Talvariante nehmen, die die Felsstufe umgeht (markierter Weg von Trè-le-Champ über den Col des Montets zur Flégère, rund 1 Stunde länger). Ansonsten ist die Strecke ein klassischer, gut markierter Wanderweg.
Nein. Die Leitern bestehen aus Metall, sind im Fels verankert und gut gewartet. Sie stehen senkrecht oder sehr steil, die Hände greifen instinktiv zu. Der nachfolgende Kamin hat Trittstufen. Die ausgesetzte Querung wirkt am imposantesten, doch der Pfad ist breit genug. Bei trockenem Wetter ist die Passage ein spielerisches Erlebnis. Bei Nässe kann der Fels rutschig werden: besondere Vorsicht oder Umgehung über das Tal.
Machbar, aber streng. Die Verbindung Trient, Trè-le-Champ, Refuge de la Flégère umfasst etwa 20 km und 1.900 m Aufstieg. In 7-Tage-Programmen kommt das vor. In unserem TMB in 7 Tagen lösen wir diesen Abschnitt anders, um die Kräfte zu schonen.
Bei gutem Wetter und frischen Beinen lohnt sich der Abstecher zum Lac Blanc unbedingt. Die Spiegelung des Mont-Blanc im See ist eines der bekanntesten Alpenbilder. Etwa 1:30 Stunden einrechnen (hin und zurück ab Tête-aux-Vents). Liegt Nebel über den Gipfeln, büsst der See seinen Hauptreiz ein.
Vom Refuge de la Flégère führt die Folge-Etappe zum Brévent (2.525 m), oft als schönster Aussichtspunkt des gesamten TMB gerühmt, gefolgt von einem langen Abstieg über 1.500 Höhenmeter nach Les Houches. Das grosse Finale – die Schlaufe schliesst sich.
Sie kommen von der Etappe 9, von Trient nach Trè-le-Champ über den Col de Balme: die Rückkehr nach Frankreich liegt hinter Ihnen. Um diese Etappe in den Gesamtkontext einzuordnen, beschreibt der vollständige Artikel zum Tour du Mont-Blanc sämtliche 11 Etappen, Varianten und die Logistik. Falls Sie den TMB als Komfortvariante mit handverlesenen Unterkünften und persönlichem Wanderleiter erleben möchten, bündelt der TMB in 7 Tagen mit Altimood die Höhepunkte der Runde in einer Woche.