Etappe 9 des TMB: Trient → Trè-le-Champ über den Col de Balme

Col de Balme: Etappe 9 des TMB – der Mont-Blanc steht wieder vor einem

Altimood, Aktualisiert am

Auf dem Col de Balme erscheint der Mont-Blanc wieder. Man hat das Massiv tagelang umwandert – erst auf der italienischen Seite, dann durch die Schweiz – und auf einmal steht er wieder direkt gegenüber, riesig, vergletschert, beinahe unwirklich. Für viele ist es der bewegendste Augenblick der Etappe 9 des Tour du Mont-Blanc, wenn nicht des ganzen Treks. Die letzte der drei Landesgrenzen ist überschritten: zurück nach Frankreich, zurück ins Chamonix-Tal. Wer aus der Schweiz kommt, kennt die Nähe zu diesen Bergen – und doch überrascht der Moment jedes Mal aufs Neue.

#Als Bergwanderleiter kennen wir den Col de Balme bei jeder Witterung, und jedes Mal wirkt das Panorama anders. Sogar Wanderer, die den TMB schon ein zweites oder drittes Mal absolvieren, verharren am Pass. Dieser Artikel führt durch die gesamte Route von Trient nach Trè-le-Champ – mit Varianten, Unterkünften und den historischen Geschichten, die diese Etappe prägen.

Die Route: Profil, Karte und GPX

1500 m2000 m0 km5 km10 kmCol de Balme · 2199 m

Etappe 9 im Überblick

Distanz~12,9 km
Aufstieg+1.095 m
Abstieg-1.000 m
Höchster PunktCol de Balme (2.191 m)
Gehzeit5:30 bis 6:30 Stunden reine Gehzeit
Schwierigkeit3/5
StartTrient (1.279 m)
ZielTrè-le-Champ (1.400 m)

Der Schlüsselmoment: Am Col de Balme zeigt sich der Mont-Blanc in voller Grösse direkt vor einem. Nach Tagen, an denen man ihn höchstens von der Seite oder von hinten gesehen hat, wirkt die frontale Begegnung überwältigend. Bei schönem Wetter ist es eines der eindrücklichsten Panoramen des TMB.

Der Aufstieg: von Trient zum Col de Balme

Man verlässt Trient (oder Le Peuty, falls man dort genächtigt hat) auf einem Waldpfad, der sich langsam den Südhang hinaufzieht. Der Anstieg ist konstant, aber ohne technische Stellen. Zuerst geht es durch Nadelwald, dann lösen Alpweiden den Wald ab, je weiter man an Höhe gewinnt.

Die Steigung bleibt regelmässig – kein Vergleich mit den Steilpassagen und dem Geröll der Fenêtre d'Arpette vom Vortag. Es ist ein gleichmässiger, ehrlicher Aufstieg, bei dem man immer wieder innehalten und beobachten kann, wie das Tal des Trient unter einem zurückbleibt. Bei klarer Sicht erkennt man noch die Gipfel rund um den Glacier du Trient, ein Überbleibsel der vorigen Etappe.

Die Hütte am Col de Balme

Die Hütte am Col de Balme (2.191 m) liegt direkt unterhalb der Passhöhe und markiert die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Es ist das letzte Schweizer Gebäude auf dem TMB – für alle, die von der Schweizer Seite kommen, ein kleiner Abschied. Heisse Getränke, Mahlzeiten und der perfekte Ort für eine Rast, bevor es auf die französische Seite geht.

Der Pass selbst ist ein weites, grasbewachsenes Plateau, offen nach beiden Seiten. Nordwärts die Schweiz, das Trient-Tal, das Wallis – vertrautes Terrain. Südwärts Frankreich, das Chamonix-Tal und als Kulisse das Mont-Blanc-Massiv in seiner ganzen Wucht.

Der Col de Balme: (noch) ein Panorama, das zum TMB motiviert

Vom Col de Balme überblickt man die komplette Nordseite des Massivs. Die Aiguille Verte (4.122 m) präsentiert ihre schönste Flanke, gekrönt von der Eiskappe. Die Drus, die Aiguille du Midi, der Dôme du Goûter, der Mont-Blanc selber: alles aufgereiht wie auf einem Relief. Bei wolkenfreiem Himmel lässt sich sogar die Mer de Glace ausmachen, die zwischen den Grandes Jorasses und der Aiguille Verte fliesst.

Hier erschliesst sich der tiefere Sinn des TMB. Acht Tage lang ist man um diesen Berg herumgewandert, hat ihn aus drei Ländern betrachtet. Und nun steht er da, direkt gegenüber, fast greifbar. Wer die volle Runde gelaufen ist, begreift in diesem Moment die zurückgelegte Distanz. Wer den TMB in Chamonix gestartet hat, ahnt noch nicht, was auf ihn zukommt. Wer von dort zurückkehrt, weiss, wovon er sich verabschiedet.

Der Posettes-Grat: ein Abstecher, der sich auszahlt

Vom Col de Balme geht es zunächst hinunter zum Col des Posettes (1.997 m). Ab diesem Zwischenpass erlaubt eine Variante den Aufstieg zur Aiguillette des Posettes (2.201 m) – rund eine Stunde Mehraufwand. Die Aussicht umfasst 360 Grad: Mont-Blanc-Massiv im Süden, Rhonetal im Norden, Aiguilles Rouges im Osten. Es ist einer der weniger bekannten Aussichtspunkte des TMB und zugleich einer der weitesten.

Bei trockenen Verhältnissen ist der Grat einfach und gefahrlos. Bei Gewitter allerdings ist er exponiert und sollte gemieden werden. Von der Aiguillette steigt man direkt über den Grat nach Trè-le-Champ ab.

Michel Croz: der Bergführer vom Fuss des Passes

Auf dem Abstieg vom Col de Balme Richtung Frankreich passiert man das Dorf Le Tour (1.453 m), einen kleinen Weiler am hintersten Ende des Chamonix-Tals. Hier kam 1830 Michel Croz zur Welt, einer der bedeutendsten Bergführer der Alpinismusgeschichte.

In weniger als fünf Jahren häufte Croz die renommiertesten Erstbesteigungen des goldenen Zeitalters an: die Barre des Écrins, den Mont Dolent, die Aiguille d'Argentière, die Grandes Jorasses, den Mont Viso, die Grande Casse. Sein treuester Seilschaftspartner war der Engländer Edward Whymper, mit dem er die meisten dieser Touren durchführte.

Am 14. Juli 1865 standen Croz und Whymper auf dem Gipfel des Matterhorns, über den Hörnligrat aufgestiegen, einer italienischen Seilschaft knapp zuvor. Doch beim Abstieg geschah das Unglück: Ein Seilschaftsmitglied rutschte, das Seil riss, vier Männer stürzten in die Tiefe – darunter Croz. Er wurde 35 Jahre alt. Auf seinem Grabstein in Zermatt steht: «Er starb nicht weit von hier als beherzter Mann und treuer Führer.»

In Le Tour weist kaum etwas auf dieses aussergewöhnliche Schicksal hin. Einige alte Steinhäuser, eine Seilbahn, Alpinisten auf dem Weg zum Glacier du Tour. Wer die Geschichte kennt, sieht den Ort mit ganz anderen Augen.

Das Refuge Albert Ier: ein König am Berg

Oberhalb von Le Tour thront das Refuge Albert Ier (2.707 m) über dem Glacier du Tour. Seine Geschichte ist bemerkenswert. Vom belgischen Alpenclub finanziert, wurde es am 29. und 30. August 1930 eingeweiht und nach König Albert I. von Belgien benannt – begeisterter Alpinist und Vereinsmitglied, der persönlich an der Zeremonie teilnahm.

Vier Jahre später, am 17. Februar 1934, stürzte der König an der Roche du Vieux Bon Dieu bei Marche-les-Dames nahe Namur bei einer Solokletterei tödlich ab. Ein König, der beim Klettern ums Leben kommt: Das sagt einiges über die Epoche und die Anziehungskraft der Berge auf alle Gesellschaftsschichten – bis hin zu gekrönten Häuptern.

Um 1850, während der Kleinen Eiszeit, reichte der Glacier du Tour bis ins heutige Dorfgebiet hinab, auf rund 1.450 m. Heute liegt seine Zunge deutlich höher. Die 2013 renovierte Hütte ist nach wie vor Pflichtstation für Alpinisten mit Ziel Aiguille du Chardonnet oder Aiguille d'Argentière.

Der Abstieg nach Trè-le-Champ

Nach dem Col de Balme (oder dem Umweg über die Posettes) führt der Weg hinab zum Col des Posettes und weiter zum Weiler Trè-le-Champ (1.400 m). Man durchquert Alpweiden und anschliessend Lärchenwald. Der Pfad ist gut markiert und technisch anspruchslos.

Trè-le-Champ ist streng genommen kein Dorf: ein paar Häuser, eine Herberge, ein Parkplatz. Ein Durchgangsort, ein Knotenpunkt zwischen dem Chamonix-Tal und dem Vallon de Bérard. Für TMB-Wanderer ist es vor allem der Ausgangspunkt der nächsten Etappe – zum Lac Blanc und zum Refuge de la Flégère.

Die Variante über Vallorcine

Vom Col de Balme kann man auch nach Vallorcine (1.260 m) absteigen und dem Torrent de l'Eau Noire folgen. Diese Variante, rund 45 Minuten länger, hat ihren eigenen Charme: Vallorcine liegt in einem abgeschiedenen Tal, über die Strasse am Col des Montets an Frankreich angebunden, doch das Wasser fliesst Richtung Schweiz. Das Dorf bewahrt eine fast geheimnisvolle Ruhe, fernab des Betriebs in Chamonix.

Unterkünfte in Trè-le-Champ und Umgebung

Reservation im Juli und August empfohlen, besonders in der Auberge La Boërne – die Kapazität ist beschränkt.

Praktische Hinweise

Wasser und Verpflegung

Wasser gibt es in Trient beim Aufbruch und an der Hütte am Col de Balme. Auf der französischen Seite fliessen zu Saisonbeginn einige Bäche, die im August jedoch versiegen können. Mindestens 1,5 Liter einpacken. In Trè-le-Champ gibt es kein Geschäft. Zur Verpflegung kann man auf Argentière ausweichen (Lebensmittelladen, Bäckerei) – zu Fuss in 45 Minuten oder per Shuttle erreichbar.

Wetter und Timing

Der Col de Balme ist dem Wind ausgesetzt. Bei Bewölkung verschwindet das Panorama auf den Mont-Blanc – und damit das Herzstück der Etappe. Falls der Wetterbericht gegen Mittag eine Aufhellung meldet, den Abmarsch entsprechend planen. Früh loslaufen (7:30–8:00 Uhr) bleibt empfehlenswert, um sommerliche Nachmittagsgewitter zu umgehen.

Den Posettes-Grat bei Gewittergefahr meiden (exponierter Grat, kein Unterschlupf).

Schwierigkeit

Die Etappe stellt keine technischen Anforderungen. Der Aufstieg ab Trient ist lang, aber regelmässig (rund 900 m Höhendifferenz). Der Abstieg nach Trè-le-Champ verläuft sanft. Es ist eine moderat schwierige Etappe, gut machbar für alle, die bereits am neunten Tag des TMB unterwegs sind.

Häufige Fragen zur Etappe 9 des TMB

Lohnt sich der Col de Balme auch bei bedecktem Himmel?

Ohne die Aussicht verliert der Col de Balme einen grossen Teil seines Reizes. Aber der Grenzübertritt bleibt, das Gefühl der Rückkehr nach Frankreich. Und der Aufstieg über die Walliser Alpweiden hat seinen eigenen Charme, mit oder ohne Sicht. Bei dichtem Nebel bietet die Variante über Vallorcine eine geschütztere Alternative und ein authentisches Bergdorf zum Erkunden.

Lassen sich Etappe 9 und 10 verbinden?

Machbar, aber anspruchsvoll. Die Strecke Trient → Trè-le-Champ → Refuge de la Flégère umfasst etwa 20 km und 1.900 m Aufstieg. In 7-Tage-Programmen wird das gelegentlich gemacht, doch es ist ein strenger Tag, gerade am neunten Wandertag. In unserem TMB in 7 Tagen gestalten wir diesen Abschnitt anders, um die Kräfte zu schonen.

Wo entspringt die Arve?

Die Arve durchfliesst Chamonix und danach Bonneville, bevor sie nach 107 km bei Genf in die Rhône mündet. Ihre Quelle liegt im Mont-Blanc-Massiv. Beim Abstieg vom Col de Balme betritt man ihr Einzugsgebiet. Im Mittelalter wurden Frondienste organisiert, um ihr Flussbett mit Reisigbündeln zu befestigen. Eine 1826 in Bonneville aufgestellte Säule stellt die Arve als Göttin dar – bezwungen und in Ketten.

So geht es weiter auf dem TMB

Ab Trè-le-Champ führt die nächste Etappe über den Grand Balcon Sud gegenüber der Mer de Glace, mit der Option, zum Lac Blanc (2.352 m) aufzusteigen. Es gehört zu den kürzesten Etappen des TMB, ist aber vielleicht die fotogenste.

Sie kommen von der Etappe 8, von Champex-Lac nach Trient über Bovine oder die Fenêtre d'Arpette – die knifflige Entscheidung liegt hinter Ihnen. Um diese Etappe im Gesamtkontext einzuordnen, beschreibt der vollständige Artikel zum Tour du Mont-Blanc sämtliche 11 Etappen, Varianten und die Logistik. Falls Sie den TMB in der Komfortvariante mit handverlesenen Unterkünften und persönlichem Wanderleiter erleben möchten, bündelt der TMB in 7 Tagen mit Altimood die Höhepunkte der Runde in einer Woche.

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  1. Altimood Bergführer
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