
Schon beim Frühstück in Champex-Lac kommt an jedem Tisch dieselbe Frage auf: «Geht ihr über Bovine oder über Arpette?» Es ist das grosse Dilemma der Etappe 8 des Tour du Mont-Blanc. Auf der einen Seite die Alp Bovine mit Aussicht über das Rhônetal. Auf der anderen die Fenêtre d'Arpette auf 2.665 m – Geröllfeld, mögliche Schneereste, Tiefblick auf den Glacier du Trient. Zwei grundverschiedene Routen, ein gemeinsames Ziel: Trient, gleich hier im Wallis.
Bergwanderführer begleiten wir regelmässig Gruppen auf beiden Varianten. Champex-Lac und Trient liegen im Wallis – wer aus der Deutschschweiz anreist, kennt die Gegend vielleicht schon von einem Ausflug über den Col de la Forclaz oder einem Sommertag am Lac de Champex. Dieser Artikel stellt beide Optionen im Detail vor, mit Geländedaten, Unterkünften und allen wichtigen Hinweisen für Ihre Entscheidung.
| Route Bovine | Variante Fenêtre d'Arpette | |
|---|---|---|
| Distanz | ~15,9 km | ~14,5 km |
| Aufstieg | +876 m | +1.100 m |
| Abstieg | -1.014 m | -1.300 m |
| Höchster Punkt | Collet de Portalo (2.049 m) | Fenêtre d'Arpette (2.665 m) |
| Gehzeit | 4:30 bis 5:30 Std. | 6:00 bis 7:30 Std. |
| Schwierigkeit | 2/5 | 4/5 |
| Start | Champex-Lac (1.466 m) | Champex-Lac (1.466 m) |
| Ziel | Trient (1.279 m) | Trient (1.279 m) |
Wie entscheiden? Ist der Himmel klar und halten Ihre Beine nach sieben Wandertagen noch durch, ist die Fenêtre d'Arpette der spektakulärste Übergang des gesamten TMB. Bei unsicherem Wetter, müden Knien oder dem Wunsch nach einem gemütlicheren Tempo bietet Bovine einen entspannten Tag mit grossartigen Fernblicken über die Rhône-Ebene.
Die offizielle TMB-Route verlässt Champex nach Süden, steigt hinunter nach Champex-d'en-Bas (1.359 m) und quert den Weiler Plan de l'Au. Danach geht es stetig bergauf durch den Wald zur Alp Bovine, auf einem schattigen Pfad zwischen Fichten.
Die Ankunft auf der Alp Bovine (1.975 m) ist ein Wendepunkt. Bis hierhin drehte sich der TMB ums Mont-Blanc-Massiv – Gletscher, Nadeln, Pässe. Plötzlich öffnet sich der Blick nach Nordwesten, weit über das Massiv hinaus. Das Rhônetal liegt tief und breit darunter, mit Martigny und seinen Rebterrassen im Talgrund. Bei klarer Sicht erkennt man die Dent de Morcles (2.969 m), den Grand Chavalard (2.899 m) und die ersten Gipfel des Berner Oberlandes – für Deutschschweizer ein vertrauter Anblick, nur aus ungewohnter Perspektive.
Die Buvette de Bovine, seit den 1920er Jahren in einer Alphütte eingerichtet, bietet warme Getränke und einfache Gerichte. Hier trifft man auch Wanderer, die nicht auf dem TMB unterwegs sind, sondern einfach diesen wenig bekannten Aussichtspunkt geniessen.
Nach Bovine überquert der Weg den Collet de Portalo (2.049 m), den höchsten Punkt der klassischen Route. Der Abstieg zum Col de la Forclaz (1.526 m) führt am Chalet de la Giète vorbei, einer weiteren Alp. Der Col de la Forclaz ist ein Strassenpass mit Hotel-Restaurant und Parkplatz – für viele Schweizer Wanderer auch ein bekannter Ausgangspunkt für Tagestouren.
Der Abstieg vom Col de la Forclaz nach Trient dauert 30 bis 45 Minuten auf einem Waldweg. Die Ankunft im Dorf ist gemütlich – zwischen Holzchalets und Brunnen.
Die Fenêtre d'Arpette gilt als die anspruchsvollste Variante des gesamten Tour du Mont-Blanc. Gleichzeitig bietet sie den grössten Kontrast an einem einzigen Tag: Man wechselt von einem idyllischen Tal in eine steinerne Wüste und steht dann mit Blick auf den Glacier du Trient.
Start ist in Champex-Lac Richtung Val d'Arpette, nach Nordosten. Nach 30 Minuten erreicht man das Relais d'Arpette (1.627 m), eine Berghütte am Waldrand. Hier gibt es die letzte Verpflegungsmöglichkeit vor dem Pass.
Der Pfad steigt durch das Val d'Arpette auf einem guten Weg zwischen Lärchen und Alpweiden an. Je höher man kommt, desto spärlicher wird die Vegetation. Ab etwa 2.200 m betritt man eine mineralische Welt: Granitblöcke, instabiles Geröll, stellenweise kaum erkennbare Wegspuren. Steinmännchen markieren die Route, doch bei schlechtem Wetter oder Nebel wird die Orientierung heikel. Das ist der Hauptgrund, warum diese Variante bei schlechter Sicht gemieden werden sollte.
Die Fenêtre d'Arpette (2.665 m) ist kein Pass im klassischen Sinn: Es ist eine schmale Scharte in einem Felsgrat, ein Durchgang zwischen zwei Welten. Der letzte Abschnitt vor dem Scheitelpunkt ist die technisch anspruchsvollste Passage des TMB. Das Geröllfeld ist steil, die Blöcke bewegen sich unter den Füssen, und zu Saisonbeginn (Juni, manchmal Anfang Juli) liegt Schnee über dem Übergang. Ohne Grödel und Schneeerfahrung ist es besser umzukehren.
Oben kippt das Panorama. Richtung Westen das Val d'Arpette, grün und eingeengt. Richtung Osten der Glacier du Trient mit seinen Seracs und Moränen, eingerahmt von Granitnadeln. Es ist der höchste Punkt des TMB auf der Varianten-Route. Dieser Moment allein rechtfertigt die Mühe des Aufstiegs.
Der Abstieg auf der Trient-Seite ist lang und geht auf die Knie. Knapp 1.300 Höhenmeter werden auf weniger als 8 km abgebaut. Das Geröll weicht einer Moräne, dann einem Waldpfad durch Lärchen. Man kommt in die Nähe der Gletscherzunge des Glacier du Trient, dessen Rückzug eindrücklich ist.
Vor 20 oder 30 Jahren reichte der Gletscher noch bis an den Weg heran. Familien picknickten mit den Füssen auf dem Eis. Heute liegt das Gletscherende oberhalb von 2.000 m, weit über dem Pfad. Wer im Wallis aufgewachsen ist, hat diesen Wandel vielleicht noch in Erinnerung – oder kennt die Erzählungen. Dieser rasche Rückzug macht den Klimawandel im Hochgebirge greifbarer als jede Statistik.
Eine Buvette unterhalb des Gletschers lädt zum Pausieren ein, bevor der letzte Abschnitt nach Trient folgt. Der Weg führt durch den Wald, über eine Brücke und mündet ins Dorf.
Vor der Erfindung des Kühlschranks versorgte der Glacier du Trient ein ebenso unwahrscheinliches wie einträgliches Gewerbe. Arbeiter schnitten Eisblöcke direkt vom Gletscher, liessen sie über lange Holzrinnen – sogenannte «Risses» – ins Tal gleiten und verluden sie auf Karren bis zum Bahnhof Martigny. Von dort ging das Eis per Zug nach Genf, Lyon, Marseille und Paris, wo es Getränke kühlte und Lebensmittel in Restaurants und Spitälern frisch hielt.
Dieses Gewerbe verschwand mit der mechanischen Kühlung und dem Rückzug des Gletschers selbst. Was für die Bergbewohner des Wallis einst Alltag war, ist heute ein Museumsstück. Wer von der Fenêtre d'Arpette absteigt und auf den geschrumpften Gletscher blickt, spürt das Ausmass dessen, was sich in wenigen Generationen verändert hat.
Trient (1.279 m) ist ein kleines Walliser Dorf ohne Schnickschnack. Keine Souvenirläden, keine Bergbahnen, ein paar Gasthäuser und ein Campingplatz. Die Stimmung ist ruhig, fast nüchtern nach dem Trubel von Courmayeur oder dem Seeidyll von Champex. Für Schweizer Wanderer hat dieses Understatement etwas Vertrautes – es erinnert an Dörfer, die man aus dem eigenen Alpenraum kennt, fern von touristischer Inszenierung.
Und doch ist es ein Knotenpunkt des TMB: Hier treffen die Wanderer, die über Bovine kamen, auf diejenigen, die über die Fenêtre d'Arpette abgestiegen sind, und vergleichen ihre Erlebnisse des Tages. Die Abendgespräche drehen sich unweigerlich um dieselbe Frage: «Und du – welchen Weg bist du gegangen?»
Reservation in der Hauptsaison empfohlen. Trient hat nur begrenzte Übernachtungskapazitäten. Im Juli und August mindestens eine Woche im Voraus buchen. Die Preise sind in CHF angegeben; wer aus dem Euroraum kommt, profitiert aktuell oft vom günstigen Wechselkurs.
Über Bovine: kein zuverlässiger Wasserpunkt zwischen Champex und der Buvette de Bovine (ca. 2:30 Std. Gehzeit). Mindestens 1,5 Liter mitnehmen. Danach kann man sich an der Buvette de Bovine und am Hôtel du Col de la Forclaz versorgen.
Über die Fenêtre d'Arpette: Das Relais d'Arpette (30 Min.) ist die letzte Verpflegungsstelle. Mindestens 2 Liter mitnehmen. Im Val d'Arpette fliessen Bäche, die in der Höhe jedoch versiegen können. Auf der Abstiegsseite bietet die Buvette am Glacier du Trient Getränke und leichte Speisen.
In Trient gibt es keinen Lebensmittelladen. Proviant am Vortag in Champex besorgen, falls nötig.
Die Fenêtre d'Arpette erfordert klaren Himmel und gute Sicht. Bei Nebel, Regen, angekündigtem Gewitter oder Restschnee (häufig im Juni) ohne Zögern auf Bovine ausweichen. Das Geröllfeld unter der Fenêtre wird bei Nässe rutschig, und im Nebel ist die Orientierung schwierig. Den aktuellen Wetterbericht für das Wallis gibt es auf MeteoSchweiz – wer den TMB ab der Schweiz startet, kennt die App vermutlich schon.
Über Bovine genügt ein Aufbruch um 8:30–9:00 Uhr. Über die Fenêtre d'Arpette empfiehlt sich ein früher Start (7:00–7:30 Uhr), um Zeitreserve zu haben und den häufigen Nachmittagsgewittern im Sommer auszuweichen.
Die Fenêtre d'Arpette hat keine wirklich ausgesetzten Stellen, aber das Geröllfeld ist steil und instabil. Wanderstöcke sind unverzichtbar, besonders im Abstieg. Wer unter Höhenangst leidet, wird hier keine besonderen Probleme haben – es ist vielmehr die körperliche Anstrengung und die Geländetechnik (Blöcke, Geröll, möglicher Schnee), die diese Passage anspruchsvoll machen.
Der Übergang ist unter normalen Bedingungen (gutes Wetter, trockener Weg, kein Schnee) nicht gefährlich. Er ist allerdings körperlich fordernd und technisch anspruchsvoller als der Rest des TMB. Das Hauptrisiko ist ein verstauchter Knöchel im Geröll oder Desorientierung bei Nebel. Zu Saisonbeginn können Schneefelder die Passage ohne geeignete Ausrüstung heikel machen. Im Zweifelsfall Bovine wählen: Der TMB bietet auch ohne unnötige Risiken mehr als genug unvergessliche Momente.
Ja, das ist eine Option für Wanderer, die die Fenêtre sehen möchten, ohne den langen Abstieg nach Trient in Kauf zu nehmen. Rechnen Sie mit 6 bis 7 Stunden hin und zurück ab Champex. Man kann auch zur Fenêtre aufsteigen, auf der Champex-Seite wieder absteigen und am nächsten Tag die Bovine-Route nehmen.
Bovine bietet einen völlig anderen Tag: Fernblicke über die Rhône-Ebene, Alpweiden, eine pastorale Atmosphäre. Es ist kein «Plan B» – es ist eine Route mit eigenem Charakter. Wanderer, die den TMB mehrfach gemacht haben, wechseln oft zwischen beiden Varianten ab.
In unserem TMB in 7 Tagen hängt die Wahl von den Tagesbedingungen und dem Niveau der Gruppe ab. Wenn es die Verhältnisse erlauben, ist die Fenêtre d'Arpette ein unvergessliches Highlight. Aber ein Tag über Bovine – mit Zeit für eine Pause an der Buvette und dem Blick auf die Weinberge von Martigny im Tal – ist alles andere als ein Trostpreis.
Von Trient führt die nächste Etappe zum Col de Balme (2.204 m), der letzten Grenze des TMB (Schweiz → Frankreich). Das Mont-Blanc-Massiv taucht wieder frontal auf, nach Tagen auf der italienischen und schweizerischen Seite. Es ist einer der bewegendsten Momente der gesamten Runde – und für Schweizer Wanderer der Abschied von heimischem Boden.
Um diese Etappe im Gesamtkontext einzuordnen, finden Sie im vollständigen Artikel zum Tour du Mont-Blanc alle 11 Etappen, Varianten und Logistik-Informationen. Wenn Sie den TMB komfortabel mit ausgewählten Unterkünften und einem eigenen Wanderführer erleben möchten, fasst der TMB in 7 Tagen mit Altimood das Beste der Runde in einer Woche zusammen.
Sie kommen von der Etappe 7, von La Fouly nach Champex-Lac: das kleine Schweizer Kanada liegt hinter Ihnen. Vor Ihnen bringen die letzten drei Etappen Sie zurück nach Chamonix, über den Balkon mit Blick auf die Mer de Glace und die Drus.