
Der Vieux Chaillol misst 3.163 m und ist der höchste Punkt des Champsaur, jenes Tals, das den Nationalpark Écrins nach Südwesten abschliesst, rund 25 km nördlich von Gap und gut 3 Fahrstunden ab Genf. Kein Gletscher liegt davor, keine Bergbahn führt hinauf, und auf keinem der beiden Anstiege steht eine bewirtschaftete Hütte. Im Sommer ist er eine Wanderung: Schuhe, Stöcke, kein Seil, keine Steigeisen.
Ein Dreitausender allein beeindruckt Sie nicht, das ist uns bewusst. Interessant ist hier die Ausgangslage. 1.560 Höhenmeter vom Parkplatz bis zum Gipfel, an einem Stück, weil es nichts gibt, was den Tag teilen würde. Der Piz Languard liegt mit rund 1.450 Höhenmetern ab Pontresina in derselben Grössenordnung, aber dort nimmt Ihnen die Sesselbahn auf die Alp Languard das erste Drittel ab, und die Georgy-Hütte steht kurz unter dem Gipfel. Hier gibt es weder das eine noch das andere, und der Tag ist genau deshalb lang.
Der zweite Unterschied steht am Horizont. Im Wallis und im Berner Oberland reihen sich die Dreitausender zu Ketten. Dieser hier hat über mehrere Kilometer keinen Nachbarn seiner Grösse, was oben einen Rundblick ergibt, wie ihn ein Gipfel dieser Höhe bei uns selten liefert.
Bei Altimood haben wir ihn das ganze Jahr im Blickfeld, und wenn uns jemand nach einer sportlichen Wanderung ohne ausgesetzte Stellen fragt, schlagen wir zuerst diesen Berg vor.
Diese Seite beschreibt die 2 Anstiege, mit Zahlen und mit Tracks.
Der Gipfel wird von 2 Talseiten aus gegangen. Was die Wahl entscheidet, ist die Länge des Tages und nicht das Gelände: Ausgesetzte Stellen hat keiner der beiden Anstiege, gute Beine verlangen beide.
| Anstieg | Ausgangspunkt | Distanz | Aufstieg | Gehzeit | Schwierigkeit |
|---|---|---|---|---|---|
| Chaillol 1600 | Saint-Michel-de-Chaillol, 1.600 m | 16 km hin und zurück | +1.560 Hm | 8 Std. | 4/5 |
| Champoléon | Les Borels, 1.275 m | 23,5 km Rundtour | +1.960 Hm | 11 Std. | 5/5 |
Auf der SAC-Wanderskala bleiben beide Anstiege bei T2, mit T3-Abschnitten im obersten Geröll, wo die Trittspur zwischen den Blöcken verschwindet. Kein Drahtseil, keine Kette, kein Fels, an dem die Hand gebraucht wird. Was den Tag anstrengend macht, sind die Höhenmeter und die Länge. Die Ziffern 4 und 5 in der letzten Spalte gehören zu unserer eigenen Schwierigkeitsskala von 1 bis 5, die den Aufwand beschreibt und die SAC-Skala ergänzt, statt sie zu ersetzen. Wer nicht sicher ist, wo er darin steht, bekommt im Test in 7 Fragen eine Einordnung.
Die Gehzeiten sind reine Gehzeiten, ohne Pausen. Sie entstehen aus 4 Verfahren, die wir auf Distanz und Höhenmeter der beiden Tracks anwenden: Naismith, die Formel des Deutschen Alpenvereins, die des Schweizer Alpen-Clubs und die Methode der Leistungskilometer. Veröffentlicht wird der Mittelwert der 4, aufgerundet auf die nächste halbe Stunde. Die Spanne dahinter ist gross: allein für den Anstieg ab Chaillol reichen die 4 Ergebnisse von 5:50 bis 10:20 Std. Rechnen Sie deshalb mit Ihrem eigenen Wert in Höhenmetern pro Stunde, mit dem Rucksackgewicht und mit den Pausen, die Sie wirklich machen.
In beiden Fällen gilt: früh los. Der obere Teil ist auf beiden Seiten reines Geröll und ohne jeden Unterstand, und die Nachmittagsgewitter im Juli und August lassen dort keinen schnellen Ausweg.
Der kürzere und mit Abstand meistbegangene Anstieg. Die kleine Station Chaillol 1600 legt den Start auf 1.600 m und nimmt damit von vornherein 300 Höhenmeter gegenüber dem Talboden weg. Der Weg steigt gleichmässig zum Col de la Pisse, quert dann hinüber zur Cabane des Parisiens und geht von dort durch eine rein mineralische Landschaft zum Gipfel.
Es ist eine Tour hin und zurück, abgestiegen wird auf demselben Weg. Das vereinfacht die Logistik, und es erlaubt an jeder Stelle umzudrehen, ohne in etwas hineinzulaufen, aus dem man nicht mehr ohne Weiteres herauskommt. An einem Tag dieser Länge zählt das mehr, als es klingt. An der Cabane des Parisiens lohnt der Abstecher zum Canal de Mal-Cros und seinen gemauerten Stollen, wenn Sie in der Zeit liegen.
Wenn der Tag knapp wird oder der Himmel unsicher aussieht: Vom selben Parkplatz geht auch der Pic Queyrel, 2.433 m, mit 11 km und 730 Höhenmetern deutlich leichter. Auf seinem Rücken steht ein natürlicher Felsbogen, und der Rundblick deckt bereits das ganze Champsaur ab.
Die Seite von Champoléon beginnt 325 m tiefer, im Tal des Drac Blanc, und lässt sich gut über das Refuge du Tourond zur Runde schliessen.
23,5 km und 1.960 Höhenmeter machen daraus einen der grössten Wandertage im Champsaur. Wer trainiert ist und vor dem Hellwerden losgeht, schafft ihn an einem Stück. Aufgehen tut die Runde aber besser, wenn Sie sie mit einer Nacht draussen teilen, also mit einem Biwak in den Bergen. Eine Hütte auf halbem Weg, die den Tag zweiteilen würde, gibt es hier nicht.
Auf 3.163 m geht der Blick ohne Unterbrechung über 360 Grad. Nach Norden und Osten reihen sich die Gipfel des Nationalparks Écrins, im Vordergrund der Olan (3.564 m) und der Sirac. Nach Südwesten fällt die Heckenlandschaft des Champsaur zu Gap hin ab, dahinter stehen die Wände des Dévoluy. Bei klarer Luft schliesst der Vercors den Horizont nach Nordwesten, und im Süden taucht der Mont Ventoux auf.
Steinböcke leben auf beiden Seiten des Bergs und lassen sich mit Abstand beobachten. Gämsen halten die Grashänge weiter unten, Murmeltiere alles, was einer Alp ähnelt. Am ehesten begegnen Sie ihnen früh am Morgen, also genau dann, wenn Sie auf diesem Berg ohnehin unterwegs sein sollten.
Am Col de Riou Beyrou (2.695 m), dort wo die Cabane des Parisiens steht, zieht ein gemauerter Graben nach Osten zum Lac de Mal-Cros. Das ist der Canal de Mal-Cros, und er ist den Abstecher wert. Ein kaiserliches Dekret von 1853 erlaubte dem Champsaur, das Schmelzwasser des oberen Mal-Cros-Tals auf der Seite von Champoléon zu fassen und quer durch den Berg auf die andere Seite zu leiten, um die Wiesen von Saint-Michel-de-Chaillol, Saint-Julien und Saint-Bonnet zu bewässern. Die Fassung liegt auf 2.818 m, der Verteiler in Chaillol auf 1.750 m, und dazwischen überquert der Kanal den Col de Riou Beyrou und den Col de la Pisse (2.354 m).
Was davon im Gelände geblieben ist, lässt sich ablaufen: Rinnen aus behauenem Stein, in die Felswand geschlagene Querungen und ein 114 m langer Gewölbestollen unter einem Geröllfeld, den man mit der Stirnlampe durchgeht. Die Cabane des Parisiens diente den Arbeitern als Baubaracke. 1872 kam das Wasser in Chaillol an, die Abzweige nach Saint-Bonnet wurden 1878 fertig, die nach Buissard und Bénévent nie. Seit 2004 setzt ein Verein die oberen Abschnitte instand, die Linie ist markiert und mit Tafeln versehen.
Die Bergwanderführer von Altimood wohnen im Champsaur-Valgaudemar und führen diese Besteigung als Tagestour in kleiner Gruppe. Auf 8 bis 10 Stunden im Gelände geht es beim Führen vor allem um 2 Dinge: das Tempo so einzuteilen, dass oben noch etwas übrig ist, und den Himmel zu lesen, bevor er sich entscheidet. Wenn das Tempo es hergibt, halten wir unterwegs an, für das, was zwischen den Geröllfeldern wächst und lebt, und für die Geologie dieses Bergs.
Für ein eigenes Datum, eine geschlossene Gruppe oder die Kombination mit weiteren Gipfeln der Écrins läuft das über unsere Wanderreise nach Mass.
Der Vieux Chaillol ist zugleich der höchste Punkt des Tour du Vieux Chaillol, eines GR de Pays, der das Massiv zwischen Champsaur und Valgaudemar in 4 bis 6 Tagen umrundet. Wer den Berg lieber in eine ganze Woche einbaut: Unsere Écrins-Tour in 9 Tagen folgt nebenan dem GR54.
Das Referenzblatt ist die TOP25 3437 OT (Champsaur, Vieux Chaillol), 1:25.000, also derselbe Massstab wie die Landeskarte, die Sie gewohnt sind. Sie deckt beide Anstiege vollständig ab.
Umstellen müssen Sie das Lesen der Markierung. Frankreich kennt keine Farbcodierung der Wegschwierigkeit und keine Entsprechung zur SAC-Wanderskala im Gelände: Weiss-Rot steht für einen GR, Gelb-Rot für einen GR de Pays, Gelb für eine lokale Route. Keine dieser Farben sagt etwas über Ausgesetztheit oder Trittsicherheit aus, und auf den Wegweisern steht die Gehzeit, nicht der Grad. Im obersten Drittel wird die Markierung ohnehin dünn: Dort führen Steinmänner und Trittspuren über gleichförmiges Geröll, in dem eine Rippe wie die nächste aussieht. Bei aufziehendem Nebel ist genau das der Abschnitt, an dem die Karte gebraucht wird.
Der Rest des Tages kostet wenig: Der Parkplatz in Chaillol 1600 ist gratis, für den Gipfel braucht es keine Reservation, und was Sie unterwegs ausgeben, steht in Euro.
Von Juli bis Oktober. Am Gipfelaufbau hält sich der Schnee lange, und vor Anfang Juli verlangen die oberen Hänge eher Pickel und Steigeisen als ein Paar Stöcke. Einzelne Altschneefelder in den Nordlagen ziehen sich in manchen Jahren bis in den Juli hinein. Der September ist der beste Monat: Die Tage sind noch lang genug für die Rundtour ab Champoléon, und die Luft ist klarer für den Rundblick.
Der Gipfel selbst liegt im Winter an der Grenze zwischen anspruchsvoller Schneeschuhtour, Skitour und winterlichem Bergsteigen. Die Talkessel darunter dagegen lassen sich mit Schneeschuhen sehr gut begehen, mit tiefer gelegten Zielen und mit Tagen, die zum verfügbaren Licht passen.